Von der Mainzer Republik 1793 über die Revolution von 1848/49 bis zur demokratischen Revolution der DDR 1989/90 – der 18. März steht als Symbol für die Geschichte von Freiheit und Demokratie in Deutschland und Europa. Das „Demokratieland Rheinland-Pfalz“ nahm in Kooperation mit dem Landtag Rheinland-Pfalz den erstmals von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgerufenen Tag der Demokratiegeschichte zum Anlass, um über die Demokratie in Europa nachzudenken.
Nach einer Begrüßung durch Bernhard Kukatzki, Direktor der LpB, diskutierten Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix, Professorin an der Sorbonne und eine der profiliertesten Kennerinnen der deutsch-französischen Beziehungen, Basil Kerski, Präsident des Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalen und ehemaliger Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig, sowie Landtagspräsident Hendrik Hering mit Dr. Tim Müller, Demokratieland-Referent der LpB, über Krisen und Chancen, Lernerfahrungen und Selbstkorrekturen der Demokratie.
Im Augenblick der größten Bedrohung seit dem Ende des Kalten Krieges fragen die Runde nach der Möglichkeit einer europäischen Identität, die sich aus der gemeinsamen Geschichte und dem Wissen um die Kostbarkeit der Demokratie bildet. Wie lässt sich in Europa der Funke der Freiheit wieder entfachen, die Leidenschaft für Menschenwürde, Selbstregierung und Rechtsstaat, die Begeisterung für die Demokratie, für die Europäerinnen und Europäer seit bald einem Vierteljahrtausend kämpfen?
In ihren biographisch grundierten Standortbestimmungen erinnerten die drei Teilnehmer an den europäischen Moment von 1989. „Wir dachten, wir sind die glücklichste Generation, die je in Deutschland gelebt hat“, erklärte Hendrik Hering. Basil Kerski berichtete von seinen Erfahrungen in zwei Diktaturen, im kommunistischen Polen und in Irak, und dem erstarrten Milieu West-Berlins, das er in seiner Jugend erlebte. Dagegen erhob sich mit der Gewerkschaft Solidarnosc die polnische Gesellschaft für die Freiheit. Mit Lech Walesa, der sein Büro heute im Danziger Europäischen Solidarnosc-Zentrum hat, einem der aufsehenerregendsten Demokratiemuseen Europas, das alle europäischen Freiheitsbewegungen von 1989 dokumentiert, stand Kerski tagtäglich bei der Arbeit ein sehr lebendiges und nahbares Monument der Demokratie vor Augen.
An welchen Stellen sind wir seither falsch abgebogen? Selbstkritik wurde als Lebenselixier der Demokratie identifiziert – die in den letzten Jahren im Modus der Bewältigung multipler Krisen zu kurz kam. Das Podium war sich einig, dass die Privatisierung öffentlicher Räume und Infrastrukturen seit dem Ende des Kalten Krieges, etwa von kommunalen Wohnungsgesellschaften, viele der Probleme geschaffen hat, mit denen die liberalen Demokratien heute kämpfen. Hélène Miard-Delacroix stellte das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung in den Mittelpunkt, das die Demokratie nach 1945 auszeichnete. Bildung wurden von allen als das entscheidende Thema für die Zukunft der Demokratie identifiziert. Dazu würden auch eine einschneidende Regulierung der Social Media-Plattformen und des neofeudalen Tech-Kapitalismus sowie eine europäische Bildungsagenda gehören. Basil Kerski wies auf die seit 1989 anhaltende Transformation des ganzen Kontinents hin: In diesem Jahr wurde auch das Internet in seiner heutigen Gestalt als neues Medium der Kommunikation und der Kontrolle geboren.
Mit diesem fünften Demokratieland-Gespräch wurden Lehren aus der Demokratiegeschichte für die Demokratie heute gesucht, nachdem das vierte Demokratieland-Gespräch mit Uwe Neumärker und Dr. Kai-Michael Sprenger am 20. Januar die Frage nach einer demokratischen Erinnerungskultur gestellt hatte, die das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die Aufarbeitung der totalitären Diktaturen mit dem Bewusstsein der langen, aber immer wieder gefährdeten Demokratiegeschichte verbindet.
Das Demokratieland-Gespräch am nationalen Tag der Demokratiegeschichte schloss mit der optimistischen Erwartung, dass sich Europa in der neuen Welt der Machtpolitik behaupten wird – dank seiner freiheitsliebenden Menschen und der unerschöpflichen Kreativität der Demokratie. Das 1991 ins Leben gerufene Modell des Weimarer Dreiecks, das Austausch und Zusammenarbeit zwischen Polen, Frankreich und Deutschland stärken soll, erwies sich an diesem Abend als Ideenreservoir für die Demokratie in ganz Europa.



